Schöne neue Urbanität

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Science-Fiction aus China boomt zur Zeit, auch und gerade im Westen. In ihrer Novelle Peking falten erzählt die Autorin Hao Jingfang von einer gigantischen Megametropole, in der sich der begrenzte Raum buchstäblich zurechtbiegen lässt. Doch das Gesellschaftssystem ist streng hierarchisch und zutiefst ungerecht organisiert.

Normalerweise lese ich keine Science-Fiction. Das liegt zum einen sicher an der fehlenden Sozialisation – ich habe bis heute, soweit ich mich erinnern kann, keine einzige Folge von Star Trek gesehen. Zum anderen konnte ich mich schon immer zu wenig für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass mich Sprache und Struktur eines Textes immer viel mehr faszinieren als der nackte Plot. Eine Geschichte kann noch so gut erfunden sein – wird sie banal und fantasielos erzählt, ist alle Mühe vergebens. Und dann sind da noch die allzu strengen Konventionen, die sich Genreliteratur in der Regel selbst setzt und über deren Einhaltung eine unerbittlich nerdige Fangemeinde wacht: Die immer gleiche Konstruktion vieler Texte langweilt mich rasch.

SF hat großes spekulatives Potenzial

Interessant wird es für mich aber dort, wo man sich um diese Spielregeln nicht allzu sehr kümmert, wo Neues gewagt und Erwartungen bewusst unterlaufen werden. Dann kann man das große spekulative Potenzial entdecken, das gerade hier und heute in der Science-Fiction steckt. Es besteht darin, unsere Wirklichkeit ganz nüchtern zu betrachten und gegenwärtige Entwicklungen in Gesellschaft und Technologie in die Zukunft zu extrapolieren. In einer Zeit, die derart rasant fortschreitet (und sich dabei in der Hektik des Wandels zu verlieren droht), ist die Relevanz einer solchen Literatur offensichtlich.

In letzter Zeit findet zudem eine erstaunliche Internationalisierung des Genres statt, das lange Zeit beinah ausschließlich von US-amerikanischen Autoren dominiert worden ist. Auf den Markt kommen nun vermehrt Werke aus Schwellenländern. Vor allem China rückt stärker in den Fokus. Seit einiger Zeit schon fördert die politische Führung Chinas einheimische SF in Literatur und Film. Offenbar will man auf diese Art gerade junge Menschen für technologische und naturwissenschaftliche Themen begeistern und gleichzeitig auch kulturell den Anspruch unterstreichen, eine innovative Weltmacht werden zu wollen. In gewisser Weise spiegelt dies die Erfolgsgeschichte der US-amerikanischen SF im letzten Jahrhundert. Autoren wie Isaac Asimov, Arthur C. Clarke oder Robert A. Heinlein begleiteten ab den 1950ern kommentierend und fantasierend den real stattfindenden Aufstieg ihres Landes zur technisch-industriellen Supermacht. Außerdem – und das ist für mich noch interessanter – bietet Science-Fiction-Literatur für Autor*innen eine Möglichkeit, die Herrschaftsverhältnisse des chinesischen Systems subtil zu kritisieren.

Hierarchisch organisierte Megametropole

Gleich zwei Autor*innen aus China bekamen jüngst den wichtigsten SF-Preis, den Hugo Award, zugesprochen: Liu Cixin 2015 für den ersten Teil seiner sensationell erfolgreichen Trilogie Die drei Sonnen und Hao Jingfang (*1984) ein Jahr später für ihre Erzählung Peking falten. Während Liu ein Vertreter sogenannter Hard SF ist, die ihr Augenmerk primär auf die Darstellung futuristischer Technik und Wissenschaft legt, beschäftigt sich Jingfang in ihrer Erzählung eher mit sozialen und politischen Verhältnissen und bietet eine psychologisch nicht uninteressante Charakterstudie.

Die chinesische Hauptstadt in Peking falten ist eine rigoros hierarchisch organisierte und räumlich in drei Sektoren unterteilte Megametropole. Jeder Sektor wird von einer Gesellschaftsschicht bewohnt: Einfache Arbeiter stellen den Großteil der Bevölkerung dar, die Mittelschicht lebt komfortabler, eine winzige Elite schwelgt im Überfluss und regiert die Stadt. Die Sektoren sind strikt getrennt; eine Überwindung der Grenzen ist nicht erlaubt und schwierig. Grundsätzlich ist ein gesellschaftlicher Aufstieg und damit die Umsiedelung möglich, wenngleich sehr selten. Um einer effizienten Nutzung der Zeit willen wird der Raum buchstäblich zurecht gebogen: Die dreigeteilte Stadt ist faltbar, jedem Sektor steht eine gewisse Zeitspanne pro Tag zum Leben und Arbeiten zur Verfügung, bevor seine Bewohner sich in Schlafkabinen begeben müssen und der Stadtteil mittels eines ausgeklügelten Mechanismus zusammengeklappt und unter die Erde gedreht wird. Den Ärmsten im dritten Sektor werden dabei nur einige Stunden Wach- und damit Lebenszeit zugestanden, die Reichen im ersten Sektor dagegen genießen einen ganzen Tag.

Parabel auf das moderne China

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Müllsortierer Lao Dao, der eines Tages im Unrat eine Botschaft findet, die ihn auffordert, sich in den zweiten Sektor zu begeben. Dort trifft er auf einen wohlhabenden Studenten, der von Lao Dao gegen Bezahlung verlangt, seiner Angebeteten im ersten Sektor eine Nachricht zu überbringen. Also macht sich Dao auf den gefährlichen Weg. Im ersten Sektor angekommen, wird er nicht nur mit dem luxuriösen Lebensstil der Elite konfrontiert. Er erfährt auch eine bedrückende und zutiefst ernüchternde Wahrheit über die Funktionsweise des Gesellschaftssystems der Stadt.

Worum handelt es sich nun bei dieser Erzählung? Um eine Parabel auf das moderne China, wo ein aggressiv betriebener Kapitalismus zwar zu exorbitantem Wohlstand, aber auch zu einer immer stärker auseinanderklaffenden Einkommensschere geführt hat? Um die Prognose einer total urbanisierten Zukunft, in der gigantische, unter Raumknappheit leidende Städte auf brutal sichtbare Weise die Ungleichheit der Gesellschaftsverhältnisse abbilden? Um eine Kritik an der Wahrnehmung der Welt überhaupt, die im Wesentlichen noch immer eine hierarchische Einteilung von Erster, Zweiter und Dritter Welt vornimmt, wodurch die Differenzen der wirtschaftlichen und zugleich sozialen, politischen und kulturellen Entwicklung immer weiter festgeschrieben werden? All diese Interpretationen drängen sich beim Lesen geradezu auf, und tatsächlich funktioniert die so simple wie originelle Symbolik, mit der Hao Jingfang ihr Szenario entwirft, als literarische Gegenwartsdiagnostik erstaunlich gut.

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Subversives Schreiben in der Diktatur?

Und doch: Das Ende von Peking falten lässt einen etwas ratlos zurück. Zu abrupt bricht diese Erzählung ab, deren Grundidee sicher für einen ausgewachsenen Roman getaugt hätte. Vor allem aber erstaunt die Reaktion des Protagonisten Lao Dao auf die Enthüllung, die er schlussendlich erfährt, und die das hierarchische System der dreigeteilten Stadt noch einmal grausamer und kälter erscheinen lässt. Denn Lao Dao wird nicht zum Rebell, nicht einmal zum trotzigen Verächter des Status quo. Um Leben und Zukunft seiner Adoptivtochter nicht zu gefährden, fügt er sich gleichmütig in die scheinbare Unveränderlichkeit der Machtverhältnisse. Hier fragt man sich notwendig: Plädiert dieser Text letztlich dafür, sich nicht gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ungleichheit aufzulehnen? Wird hier die Stabilität der gegebenen Ordnung über den Freiheitsdrang des Individuums gestellt? Doch möglicherweise sucht der Text ja gerade den Widerspruch seiner Leser zum Verhalten des Protagonisten herauszufordern.

Es ist diese irritierende Unbestimmtheit, die den Text so interessant macht und eine seit langem vom Liberalismus verwöhnte westliche Leserschaft mit der Frage konfrontiert, wie man unter den Bedingungen der Diktatur überhaupt subversiv schreiben kann. Dem Leser käme dabei jedenfalls eine besonders aktive Rolle zu: Er muss besser, tiefer lesen als der mögliche Zensor. Dann wäre der Titel von Hao Jingfangs Erzählung geradezu emblematisch zu verstehen und es käme darauf an, die unter mehreren Sinnschichten verborgene Kritik an den real existierenden Verhältnissen in China hier allererst zu entfalten.

Vielleicht aber besteht der Clou dieses Textes auch darin, zugleich die Propaganda der chinesischen Führung zu transportieren (“Rebelliere nicht, dulde!”) und ein westliches Publikum im Ungewissen darüber zu lassen, ob hier nicht doch ein subversives Potenzial versteckt liegt. Wie auch immer: Die ambivalente neue SF aus China verdient unsere Aufmerksamkeit und Peking falten eignet sich bestens zum Einstieg.

Hao Jingfang: “Peking falten”. Erzählung. Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg. Mit einem Vorwort von Kai Strittmatter. Elsinor Verlag, Coesfeld 2017. 84 Seiten, Taschenbuch. ISBN 978-3-942788-38-0.

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