
Antonio Tabucchis Roman Erklärt Pereira über einen ängstlichen, einzelgängerischen Kulturredakteur, der angesichts der Salazar-Diktatur in Portugal unversehens zum Widerständler wird, ist ein Klassiker der modernen italienischen Literatur. Er verhandelt eine zentrale Frage: Was braucht es, um angesichts von Gewalt und Unterdrückung nicht länger zu schweigen?
Es ist so verführerisch, die politische Wirklichkeit einfach auszublenden, sich um das Unerfreuliche nicht zu kümmern, den Rückzug ins Private anzutreten. Wenn die Welt verrückt spielt – was geht es mich an? Wenn alles ins Wanken gerät und einzustürzen droht, dann bleibt ja immer noch die Flucht in den kleinen Raum, wo alles mir gehört und gehorcht. Hier kann ich eine Mauer um mich herum ziehen, die dem Anbranden der furchtbaren Welt zumindest eine Zeit lang widerstehen mag.
Diktaturen bauen darauf, dass der Einzelne genau diesen Weg wählt, dass Widerstand zusammenbricht oder gar nicht erst entsteht, wenn nur die Massen kontrolliert werden. Auf sich allein gestellt, neigt der Mensch dazu, unpolitisch zu werden, sich ins Private zurückzuziehen und gelenkt durch Furcht und eine gehörige Portion Ignoranz die Augen vor dem zu verschließen, was um ihn herum geschieht. Dann freilich haben Verfolgung und Unterdrückung leichtes Spiel, denn unmittelbar von ihr betroffen sind zunächst nur andere.
Umgekehrt aber erwächst die größte Bedrohung für Diktaturen daraus, dass der Einzelne seine Scholle verlässt, dass er der Einschüchterung nicht länger gehorcht und aktiv wird. Oft braucht es dazu nicht einmal viel, sanfte Anstöße von außen können genügen, und schon werden Prozesse in Gang gesetzt, die kaum kontrollierbar, kaum vorhersagbar sind. Regt sich erst das Gewissen, wird meist auch der Mut gestärkt.
Ein desinteressierter Einzelgänger
Ein Beispiel dieser Art gibt der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi (1943-2012) in seinem zum modernen Klassiker gewordenen Roman Erklärt Pereira aus dem Jahr 1994 (dt. 1995). Tabucchi, der mit einer portugiesischen Literaturwissenschaftlerin verheiratet war und sein halbes Leben in Lissabon verbrachte, erzählt die Geschichte des ganz und gar unauffälligen Dr. Pereira, der die Kultursparte einer kleinen Lissaboner Zeitung leitet. Man schreibt das Jahr 1938, der Faschismus hat weite Teile Europas erfasst, in Portugal regiert António Salazar. Zensur, Überwachung und Verfolgung sind im ‘Estado Novo’ allgegenwärtig.
Pereira ist nicht mehr jung, kaum ehrgeizig, ein zurückgezogener, melancholischer, am Weltgeschehen kaum interessierter Einzelgänger. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit französischer Literatur und führt meist belanglose Gespräche mit Kollegen und Bekannten; oft redet er mit dem Bild seiner verstorbenen Frau. Was in der Politik und auf den Straßen geschieht, kümmert ihn nur am Rande. Pereira ist kein Mitläufer, er verabscheut die Machthaber, hat sich aber in eine Art innere Emigration zurückgezogen. Was außerhalb der kleinen, von ihm selbst geschaffenen Welt der Sicherheit und Kontrolle vor sich geht, blendet er so gut es geht aus.

Der Zweifel beginnt zu nagen
Doch diese Welt gerät ins Wanken, als Pereira eines Tages Monteiro Rossi begegnet, einem jungen, antifaschistisch engagierten Autor. Rossi und seine Freundin Marta sind Teil des Widerstands gegen das Regime und konfrontieren Pereira mit derjenigen Realität, von der er bislang nichts wissen wollte. Dabei ist Rossi das Gegenteil von Pereira, idealistisch, impulsiv, mutig, und damit in den Augen des faschistischen Sicherheitsstaates ein subversives Element. Als Pereira Rossi zunächst als freien Mitarbeiter für seine Zeitung einstellt, tut er dies weniger aus politischer Überzeugung, sondern vielmehr aus einem Gefühl von Sympathie und Neugier heraus. Rossi, so empfindet er es immer wieder, könnte der Sohn sein, den er nie hatte. Doch dieser erste Schritt bringt Pereira dazu, nach und nach seine sichere, abgeschlossene Welt zu verlassen.
Rossis Armut, seine Angst vor der Verfolgung durch die Polizei und sein unerschütterliches Engagement stellen Pereiras bequeme Neutralität infrage. Ganz allmählich beginnt der Zweifel an Pereira zu nagen – an der Ausübung seines Berufs, seiner Passivität, schließlich auch an der eigenen moralischen Integrität. Unterstützt wird dieser innere Wandel durch Gespräche mit dem Psychoanalytiker Dr. Cardoso, der Pereira seine Theorie des „hegemonischen Ichs“ näherbringt. Danach besteht der Mensch nicht aus einem festen, unveränderlichen Selbst, sondern aus vielen Ichs, die im permanenten Wandel und Wettstreit um die Oberhand über die menschliche Seele begriffen sind. Der Arzt, selbst ein Regimegegner, rät Pereira, den Prozess der Veränderung, der durch die Begegnung mit den jungen Leuten in Gang gesetzt worden ist, zuzulassen:
„Vielleicht, sagte Doktor Cardoso abschließend, gibt es ein hegemonisches Ich, das sich im Bündnis Ihrer Seelen nach einer langsamen Erosion an die Spitze setzt, Doktor Pereira, und Sie können da gar nichts tun, Sie können es höchstens unterstützen.“
Das Wort wird zur Waffe
Dies trifft bei Pereira auf fruchtbaren Boden. Es ermöglicht ihm, seine eigene Entwicklung nicht als Widerspruch, sondern als natürliche Folge einer inneren Dynamik zu begreifen. Er gibt sich gleichsam selbst die Erlaubnis zur Veränderung und wird damit vom passiven Zuschauer zum eigenständig Handelnden.
Pereiras sich entfaltender Widerstand ist weder laut, noch heroisch oder pathetisch. Sie manifestiert sich in schrittweisen Entscheidungen, die seinem bisherigen Leben zuwiderlaufen. Immer wieder gibt Pereira Rossi Geld, obwohl dessen Texte in seiner Zeitung nicht publiziert werden können. Auch organisiert er ein sicheres Versteck für den verfolgten Cousin Rossis. Schließlich, auf dem tragischen Höhe- und Wendepunkt der Handlung, geht Pereira dann aufs Ganze. Er entledigt sich der inneren Zerrissenheit und aller Hemmungen, und setzt bewusst sowohl die Karriere wie seine persönliche Sicherheit aufs Spiel.
Dabei wird Pereira allerdings nicht zum Attentäter oder Terroristen im Namen der Freiheit, auch opfert er sich nicht sinnlos für die gute Sache. Stattdessen greift er das autoritäre System an der Wurzel an, an seiner auf Lüge, Schweigen und Angst gegründeten Existenz. Dafür wählt er die einzige Waffe, die er effektvoll zu gebrauchen imstande ist: das geschriebene Wort. Aus dem behäbigen, ängstlichen Kulturredakteur ist ein Mensch geworden, der nicht länger stillhalten kann und will, ein offener Rebell gegen die Diktatur.

Erzählen als Akt des Widerstands
Tabucchi gestaltet die Erzählstruktur des Romans als indirektes Zeugnis: Immer wieder wird der Text durch die protokollartige Formel „erklärt Pereira“ unterbrochen. Unter welchen Umständen und vor welcher Instanz Pereira Rechenschaft über sein Handeln und seine Motivation ablegt, lässt der Roman bewusst offen. Berichtet der Journalist einem Widerstandskomitee? Oder wurde er gefasst und wir lesen nun das Protokoll seines Verhörs durch die Geheimpolizei? Vielleicht – und dies wäre die reizvollste Möglichkeit – erklärt sich Pereira aber auch gegenüber dem Erzähler des Romans, der seine Geschichte im Anschluss niederschreibt.
In dieser Erzählweise spiegelt sich die bedrohliche, von Unsicherheit und Gefahr geprägte Atmosphäre, in der politische Überwachung allgegenwärtig ist. Gleichzeitig aber wird dieses Erzählen selbst zu einem Akt des Widerstands, indem es die Erinnerung an die Unterdrückung und ihre Opfer lebendig macht und damit Zeugnis ablegt.
Alltag im Überwachungsstaat
Tabucchis Roman zeigt auf exemplarische Weise das Erwachen des Gewissens eines Intellektuellen, der sich nicht länger in den Elfenbeinturm zurückziehen kann. Doch der Text bietet weit mehr als eine willkommene politisch-moralische Botschaft und die überaus feine, ja beinahe zärtliche Porträtzeichnung des Protagonisten. Wirklich lebendig – und damit überhaupt erst zum literarischen Kunstwerk – wird der Text durch zahllose, nur scheinbar nebensächliche oder schmückende Details. Wie genau wird hier der Alltag, das Klima eines Staates dargestellt, der sich im fließenden Übergang von autoritärer Herrschaft zur faschistischen Diktatur befindet.
Immer wieder und mit steigender Intensität dringt die Wirklichkeit an Pereira heran: Da wird auf dem Markt ein angeblich linker Händler von der Polizei erschossen, jüdische Geschäfte werden über Nacht verwüstet, immer wieder ist die Rede vom Bürgerkrieg im Nachbarland Spanien, dessen faschistische Kämpfer von Portugal unterstützt werden. Auf einer Bahnfahrt kommt er mit einer aus Deutschland stammenden Jüdin, die ihm von ihren Auswanderungsplänen ins demokratische Frankreich erzählt.
So ist Erklärt Pereira ist ein kleines literarisches Meisterwerk, das eindrucksvoll zeigt, wie wirkungsvoll gerade subtiler und leiser Widerstand gegen den Staat sein kann. In Zeiten politischer Unsicherheit und wieder stetig wachsender autoritärer Tendenzen bleibt dieser Roman damit nach wie vor aktuell. Denn seine zentrale Frage stellt sich immer wieder aufs Neue: Was braucht es, um nicht länger zu schweigen?
Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2023. 224 Seiten, Taschenbuch. ISBN 978-3-423-12424-9.