Eine Kahnfahrt, die ist schaurig…

© Danube Books Verlag

Algernon Blackwoods Erzählung Die Weiden aus dem Jahr 1907 ist Horrorgeschichte und ökologischer Thriller zugleich. Ein Meisterwerk der englischen Literatur in der Tradition von E. A. Poe. Jetzt ist der Klassiker in einer wunderbaren Ausgabe des unabhängigen Danube Books Verlages neu erschienen.

Alles beginnt ganz harmlos: Zwei Freunde unternehmen eine gemeinsame Kanufahrt über die Donau, sie wollen von der Quelle des Flusses im Badischen bis zur Mündung ans Schwarze Meer reisen. Hinter Wien, in einem einsamen und unberührten Landstrich, rasten die beiden auf einer von Weiden bewachsenen Insel mitten im Fluss. Doch dann geschieht Merkwürdiges: Mehr und mehr scheint sich die Natur an diesem Ort gegen die Reisenden zu wenden. Auf die Freunde wartet die furchtbarste Nacht ihres Lebens.

Das Vertraute wird zum Gegenstand des Grauens

Manchmal ist es das ganz Vertraute, das scheinbar Harmlose und Gegenwärtige, das uns die größte Angst einzuflößen vermag. Heute ist Literatur dieser Art ziemlich aus der Mode geraten. Für die zeitgenössische Horrorindustrie – und ja, es ist eine Industrie – kann es gar nicht laut und grell genug sein: Horrorclowns und Zombiearmeen, je monströser, desto besser, spuken allgegenwärtig über unsere Bildschirme und Buchseiten.

Aber mit halbverwesten Untoten und buntgeschminkten Psychopathen einem Publikum Nervenkitzel zu bereiten, ist wirklich keine allzu große Kunst. Je kommerzieller dieses Genre wird, desto phantasieloser erscheint es auch. Alles schon gesehen, alles schon dagewesen. Aus ein paar Weidenbüschen jedoch ein ganzes Universum des Grauens entstehen zu lassen, ist dagegen ziemlich schwierig. Man muss schon ein Könner sein.

Der Brite Algernon Blackwood (1869-1951) jedenfalls war ein Meister des sublimen Horrors. In der angelsächsischen Welt ist der Autor längst ein Klassiker und gilt zusammen mit Edgar Allan Poe und H. P. Lovecraft als Begründer der modernen Horrorliteratur. Seine zahlreichen Erzählungen zeichnen sich durch eine ganz eigene, sehr subtile, aber darum umso effektvollere Atmosphäre aus. Splatter-Szenen sucht man hier vergebens. Vielleicht ist der Name Blackwood hier und heute gerade deshalb in Vergessenheit geraten.

Ein Klassiker der weird fiction

Jetzt besteht die Gelegenheit, das zu ändern. Der kleine, aber sehr engagierte Ulmer Verlag Danube Books, der sich auf Literatur aus dem Donauraum spezialisiert hat, gibt in einer wunderbaren Edition Blackwoods vielleicht bekannteste Erzählung neu heraus.

Die Weiden (engl. The Willows) aus dem Jahr 1907 sind eine literarische Kostbarkeit. Den Text als ‘Horrorliteratur’ zu bezeichnen, ist eigentlich nicht ganz richtig. Im englischen Sprachgebrauch gibt es für jene Art der Literatur, die mit dem Übersinnlichen und Unheimlichen operiert, ohne sich in die engen Grenzen des Genres einzwängen zu lassen, einen eigenen Terminus: weird fiction. Dieser Begriff umschließt Texte so verschiedener Autoren wie E. T. A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne, Bram Stoker, Franz Kafka oder Jorge Luis Borges.

In diese Reihe gehört auch Blackwood. Der Sohn wohlhabender Eltern studierte zunächst halbherzig Psychologie, reiste danach kreuz und quer durch ganz Europa und arbeitete hier und da in Gelegenheitsjobs. Schließlich ließ sich Blackwood in seiner Heimat England endgültig nieder und verdiente sein Brot mit dem Schreiben. Schon früh galt sein Interesse verschiedensten religiösen und hermetischen Strömungen. Er begeisterte sich für Buddhismus und Theosophie, später auch für die jüdische Kabbala und die Rosenkreuzer.

Reisebericht und literarische Fiktion

Die Weiden sind das Produkt einer tatsächlichen Reise. Mit einem Freund zusammen unternahm Blackwood im Jahr 1901 eine Kanufahrt vom malerischen Donaueschingen über Ulm, Passau, Linz, Wien und Budapest bis zum Delta des Stroms am Schwarzen Meer. Der Reisebericht Blackwoods, der gleichsam das Material der Erzählung bildet, ist in der Neuausgabe glücklicherweise mit abgedruckt.

Blackwood beschreibt eine Fahrt voll komischer, skuriller und manchmal auch riskanter Begebenheiten. Vor allem die Begegnungen der englischen Reisenden mit Einheimischen entlang des Flusses sind sehr pointiert und ausgesprochen unterhaltsam. Der Autor zeigt sich hier von einer ganz anderen Seite: als Humorist. Das Unheimliche in der Erzählung dagegen ist ganz Zutat seiner Phantasie, und so ist es sehr erhellend, die beiden Texte nebeneinander zu lesen und zu vergleichen. Man schaut Blackwood beim Entstehen seiner Geschichte ein wenig über die Schulter.

An diesem Ort stimmt etwas nicht

In der Erzählung sind die beiden Freunden mehr und mehr entsetzt, als sich die vermeintlich harmlose und idyllische Natur allmählich zur ernsthaften Bedrohung wandelt. Denn schnell merken sie, nachdem das Nachtlager aufgeschlagen ist und die Dämmerung schon eingesetzt hat, dass an diesem Ort etwas nicht stimmt. Die silbrig schimmernden, sich sanft im Wind wiegenden Weiden auf der einsamen Flussinsel scheinen ein Eigenleben zu besitzen, ja die Eindringlinge sogar zu bemerken. Eine Kraft scheint die Pflanzen zu steuern, die nicht von dieser Welt und den Menschen feindlich gesinnt ist.

“Vor allem aber die Weiden; sie tuschelten, plauderten und schwatzten, sie lachten, schrien schrill auf und seufzten zuweilen auch – aber das, wovon sie soviel Aufhebens machten, gehörte zum geheimen Leben der großen Ebene, die sie bewohnten, und war völlig fremd der Welt, die ich kannte, oder auch der Welt der wilden, aber freundlichen Elemente.”

Immer unheimlicher wirkt die Natur, immer stärker wird das Gefühl der Reisenden, das hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Doch noch ist die Vernunft stärker: Die Freunde wollen nicht recht wahrhaben, was geschieht. Für alles Sonderbare muss es doch rationale Erklärungen geben!

Die Nacht aber wird fürchterlich: wichtige Gegenstände und Proviant verschwinden spurlos, das Wasser des Flusses steigt plötzlich stark an, die Insel droht fortgeschwemmt zu werden. Seltsame Geräusche liegen in der Luft und rätselhafte Gestalten schleichen in der Dunkelheit umher.

“Wir befanden uns an einem Ort, den der Mensch noch nicht entweiht hatte, den die Winde reinfegten von allen menschlichen Einflüssen, an einem Ort, wo feindliche geistige Wesenheiten in unmittelbarer Nähe lauerten.”

Entfremdung des Menschen von der Natur

Das Grauen in dieser Erzählung ist sicher kein Selbstzweck. In diesem Genre, jedenfalls bei seinen herausragenden Vertretern, spiegelt das Schreckliche und Bedrohliche immer ganz reale Ängste und Traumata. Und so lässt sich Blackwoods Weiden auch als früher Ökothriller lesen, als literarische Verarbeitung der Entfremdung des Menschen von der Natur im Industriezeitalter. Am Ende der Viktorianischen Ära, in der Großbritannien zur größten Kolonial- und Industriemacht aufgestiegen war, hat sich die romantische Schwärmerei von der Verschmelzung des Ichs mit der Natur ganz und gar erledigt.

Längst hat der Mensch auch die entlegensten Winkel der Erde entdeckt und besiedelt; Natur ist nurmehr ein gigantisches Reservoir von Rohstoffen. Die fortschreitende Technologisierung hat die totale Nutzbarmachung der Umwelt ermöglicht. Als Engländer seiner Zeit war Blackwood unmittelbarer Zeuge dieses fundamentalen Wandels in der Menschheitsgeschichte.

Die Natur wird zum Feind

Die Weiden spekulieren also, was passiert, wenn der Mensch sich in die letzten noch unbehausten, unbearbeiteten Gebiete vorwagt. Er wird zum Gegner der Natur, zum Feind, den es auszustoßen gilt. Sind wir denn wirklich die alleinigen Herren der Erde? Vor dem Hintergrund der bedrohlichen Anzeichen einer Klimakatastrophe, die vielleicht gefährlicher für die Menschheit ist als alles bisher Dagewesene, erscheint der Text in dieser Lesart hochaktuell.

Mit der Neuausgabe, die überdies noch mit einem sehr lesenswerten Essay über das Reisen auf der Donau aufwartet, steht auch hierzulande der Wiederentdeckung dieses Klassikers nichts mehr im Weg.

Algernon Blackwood: “Die Weiden”. Reisebericht und phantastische Erzählung. Aus dem Englischen von Melanie Walz und Joachim A. Frank. Mit einem Vorwort von Thomas Mahr und einem wissenschaftlichen Beitrag von Ortrun Veichtlbauer. Danube Books Verlag, Ulm 2018. 156 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-946046-13-4.

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