Scham und Schweigen

© Suhrkamp Verlag

Der Autor und Psychanalytiker Philippe Grimbert erzählt in Ein Geheimnis seine Familiengeschichte, die von Scham, Verdrängung und einer verhängnisvolle Liebe während und nach der Shoa handelt. So berührend und wichtig das Thema auch ist, letztlich bleibt nach der Lektüre ein gewisses Unbehagen zurück.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Shoa dröhnte das Schweigen laut. Trotzig und hartnäckig schwiegen die Täter, die ihre Schuld verdrängen und vergessen machen wollten. Es schwieg die große Mehrheitsgesellschaft, die sich viel lieber mit Wiederaufbau statt mit Aufarbeitung befassen wollte.

Geschwiegen haben aber auch die Geretteten und Entkommenen, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen: aus Scham, aus abgrundtiefer Verzweiflung, aus der Unfähigkeit, mit dem Erlebten und Erlittenen irgendwie zurechtzukommen. Es war dies ein Schweigen nicht nur nach außen, sondern vielfach auch nach innen, in die eigene Familie, den Kreis der engsten Angehörigen hinein. Die Täter wollten nicht sprechen, viele Opfer konnten es einfach nicht.

Sehnsucht nach einem Bruder

Diesem Schweigen der Überlebenden widmet sich der Psychoanalytiker und Autor Philippe Grimbert in seinem Roman Ein Geheimnis (Un secret, 2004; dt. 2005), der mehr oder minder auf seiner eigenen Familiengeschichte basiert. Erzählt wird die Geschichte eines Menschen, der wenige Jahre nach dem Krieg in Paris zur Welt kommt. Seine Eltern, Vater Maxime und Mutter Tania, haben die Besatzung und das Morden überlebt, doch sie geben ihrem Sohn gegenüber nur wenig über diese grauenvolle Zeit preis. Was er zu hören bekommt, erscheint ebenso beruhigend wie unglaubwürdig.

Philippe, so heißt der Ich-Erzähler, wächst als Einzelkind auf. Nichts jedoch wünscht er sich sehnlicher als einen älteren Bruder, „[s]chöner als ich, stärker als ich, […] erfolgreich und unsichtbar“. Als er eines Tages durch Zufall und zum Leidwesen seiner Mutter Tania auf dem Dachboden in einer Kiste verwahrter Erinnerungsstücke einen alten Stoffhund findet, beginnt Philippe, sich einen Bruder konkreter zu imaginieren. Er träumt eine fremd-vertraute Existenz herbei, die seine Kindheit fortan begleitet.

Das Ende der Verfolgung, nicht das Ende der Angst

Als Philippe schließlich fünfzehn Jahre alt ist, erfährt er von einer entfernten Verwandten und Nachbarin seiner Eltern nach und nach die wirkliche Familiengeschichte: Seine Eltern sind Juden, den Nachnamen „Grinberg“ hatte der Vater nach dem Krieg durch den Austausch zweier Konsonanten zu „Grimbert“ ändern lassen; Philippe selbst wurde als Kleinkind getauft, um in Zukunft wenigstens etwas sicherer zu bleiben. Die Nazis mögen besiegt sein, die Verfolgung hat aufgehört, doch Angst und Schrecken der Überlebenden sind auch nach dem Ende des Krieges nicht gewichen:

„So setzte sich das Vernichtungswerk im Verborgenen fort, das die Schlächter einige Jahre vor meiner Geburt betrieben hatten: Es begrub alles unter sich, was geheimgehalten und verschwiegen wurde, verstümmelte die Familiennamen, erzeugte Lügen, die Scham blieb. Obwohl die Verfolger besiegt waren, triumphierten sie noch immer.“

Damit jedoch nicht genug, es gibt ein noch weit größeres Geheimnis als verdrängte Identität in dieser Familie: Philippe erfährt, dass seine Eltern zuvor mit anderen Partnern verheiratet waren, dass sie einander schon früh begehrten, aber erst unter den grausamen Bedingungen der Verfolgung zueinanderfinden konnten. Und auch der imaginierte Bruder ist plötzlich keine reine Wunschvorstellung mehr.

Mechanismen der Verdrängung

Philippe Grimbert erzählt in Ein Geheimnis eine Geschichte, in der Schuldgefühle und Liebe untrennbar verknüpft sind. Die Scham dafür, dass aus dem Schrecklichen, aus dem gigantischen Leid letztlich doch etwas Schönes, Liebe und Ehe, ein Kind schließlich entstehen konnte, bestimmt das ganze Leben von Tania und Maxime. Erst ihr Sohn Philippe kann diesen Fluch lösen, indem er das Wissen nicht für sich behält, sondern das offene Gespräch, den Zugang zu den Eltern sucht. Das hilft ihm bei der Verarbeitung, doch für Tania und Maxime kommt die Aufarbeitung zu spät.

Grimbert erkundet am Beispiel seiner Familie eindrucksvoll und erzählerisch souverän die Mechanismen von Verdrängung und zähem Schweigen der Shoa-Überlebenden.  Liebe und Schuld erscheinen hier im Angesicht der Katastrophe untrennbar verknüpft. Tania und Maxime sind zwar der unmittelbaren Vernichtung entkommen, doch ein wirkliches Entrinnen, eine wirkliche Befreiung mag ihnen nicht gelingen.

Sentimentales Erzählen

Dennoch: Es bleibt nach der Lektüre des Romans ein gewisses Unbehagen, eine leise Skepsis zurück. Grimbert kleidet seine Familiengeschichte letztlich in ein allzu romanhaftes Gewand und unterwirft sie damit den Gesetzen eines kalkulierenden und leider auch sentimentalen Erzählens. Immer dann, wenn der Erzähler den Boden der Tatsachen verlässt und stattdessen in die Fiktion gleitet, etwa bei der Ausmalung der Liebesgeschichte der Eltern, schrammt der Text gefährlich nah an Banalität und Kitsch vorbei.

Das unterscheidet Grimberts Ein Geheimnis dann doch von den großen Werken der Shoa-Literatur, von den autobiographischen Erzählungen Primo Levis oder Tadeusz Borowskis, den Romanen Imre Kertész‘, Ruth Klügers Erinnerungen oder auch einem Roman wie Lügen in Zeiten des Krieges von Louis Begley. Gerade weil es Texte wie diese gibt, bleibt das fiktionalisierende Schreiben über die Shoa für Nachgeborene ein schwieriges, selten gelingendes Unterfangen.

Philippe Grimbert: „Ein Geheimnis“. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. Taschenbuch, 154 Seiten. ISBN 978-3-518-45920-1.

Ein Gedanke zu „Scham und Schweigen“

  1. Wechsel der Erzählpositionen ist meist das Problem – nicht die Sentimentalität, m.E., sondern die Form, die kalkulierend auf Effekt hin Dinge verheimlicht und dann hinter der Tür wieder einführt. Ich fand die Lesebesprechung sehr interessant! Danke für den Tipp. Gruß!

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