Auf dem Literaturmarkt herrscht gerade die Zeit der Neu- und Wiederentdeckungen vergessener Texte. Übersehenes, Verschüttetes wird geborgen, aufbereitet und dann als „vergessener Klassiker“ neu ediert. Tatsächlich finden sich dort manche Schätze. Einigen Texten wünscht man, dass sie ihren Weg in den Kanon finden und dauerhaft im literarisch-kulturellen Gedächtnis haften bleiben. Die Erfahrung lehrt allerdings anderes. Oftmals ist die Halbwertzeit dieser Bücher nicht allzu lang; vieles verschwindet nach einer kurzen Phase der allgemeinen Begeisterung wieder recht schnell im bücherstaubigen Orkus des Vergessens.
Interessant ist das Phänomen dennoch. Nicht unbedingt, weil hier tatsächlich „Klassiker“ wiederentdeckt würden – was ein Klassiker ist, bestimmt eben nicht allein die bloße Deklaration, sondern andauerndes Interesse und der komplexe Prozess der Kanonisierung. Sondern weil diese Bücher offenbar Lücken füllen, die die Gegenwartsliteratur offen lässt. Welche vergessenen Texte neu entdeckt werden, sagt mehr über die Zeit aus, die sie wieder ans Licht holt als über einen vermeintlich oder tatsächlich überzeitlichen Gültigkeitswert.
So ist es auch mit der Erzählung Fall, Bombe, fall des 2014 verstorbenen niederländischen Autors Geert Kouwenaar. Der Text stammt aus dem Jahr 1950 und spielt zehn Jahre früher, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht der siebzehnjährige Karel Ruis, der gerade mitten in seiner Pubertät steckt: Das Verhältnis zu seinem Eltern ist angespannt, seine Sexualität ist erwacht.








