Und plötzlich ist Krieg

Auf dem Literaturmarkt herrscht gerade die Zeit der Neu- und Wiederentdeckungen vergessener Texte. Übersehenes, Verschüttetes wird geborgen, aufbereitet und dann als „vergessener Klassiker“ neu ediert. Tatsächlich finden sich dort manche Schätze. Einigen Texten wünscht man, dass sie ihren Weg in den Kanon finden und dauerhaft im literarisch-kulturellen Gedächtnis haften bleiben. Die Erfahrung lehrt allerdings anderes. Oftmals ist die Halbwertzeit dieser Bücher nicht allzu lang; vieles verschwindet nach einer kurzen Phase der allgemeinen Begeisterung wieder recht schnell im bücherstaubigen Orkus des Vergessens.

Interessant ist das Phänomen dennoch. Nicht unbedingt, weil hier tatsächlich „Klassiker“ wiederentdeckt würden – was ein Klassiker ist,  bestimmt eben nicht allein die bloße Deklaration, sondern andauerndes Interesse und der komplexe Prozess der Kanonisierung. Sondern weil diese Bücher offenbar Lücken füllen, die die Gegenwartsliteratur offen lässt. Welche vergessenen Texte neu entdeckt werden, sagt mehr über die Zeit aus, die sie wieder ans Licht holt als über einen vermeintlich oder tatsächlich überzeitlichen Gültigkeitswert.

So ist es auch mit der Erzählung Fall, Bombe, fall des 2014 verstorbenen niederländischen Autors Geert Kouwenaar. Der Text stammt aus dem Jahr 1950 und spielt zehn Jahre früher, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht der siebzehnjährige Karel Ruis, der gerade mitten in seiner Pubertät steckt: Das Verhältnis zu seinem Eltern ist angespannt, seine Sexualität ist erwacht.

Ein Gewissen erwacht

© Deutscher Taschenbuch Verlag

Antonio Tabucchis Roman Erklärt Pereira über einen ängstlichen, einzelgängerischen Kulturredakteur, der angesichts der Salazar-Diktatur in Portugal unversehens zum Widerständler wird, ist ein Klassiker der modernen italienischen Literatur. Er verhandelt eine zentrale Frage: Was braucht es, um angesichts von Gewalt und Unterdrückung nicht länger zu schweigen?

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Die dunkle Seele Perus

© Suhrkamp Verlag

Seltsame Vermisstenfälle erschüttern die unwirtliche Andenwelt Perus. Sind linksextreme Terroristen, die in der Gegend ihr Unwesen treiben, dafür verantwortlich? Oder steckt ein geheimnisvoller, uralter Kult der Dorfbewohner dahinter? Der aus der Großstadt abkommandierte Polizist Lituma und sein Assistent Tomás müssen rasch feststellen: Mit ihrem eingeübten Vernunft- und Ordnungsdenken kommen sie hier nicht weiter. Denn in diesen Bergen walten andere Kräfte.

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Ein jüdischer Hamlet in der Midlife-Crisis

© Fischer Taschenbuch Verlag

Was bleibt von Saul Bellow zwanzig Jahre nach seinem Tod? Sein Roman Herzog über einen mit sich und der Welt ringenden jüdisch-amerikanischen Intellektuellen galt einst als wichtiges Werk der US-Literatur nach 1945. Trotz mancher Zeitgebundenheit in der Darstellung beeindrucken nach wie vor die bestechende Mischung aus Satire und Tragödie, die introspektive Figurenzeichnung und ein bilderreicher, assoziativer Erzählstil.

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Biberkopf in Babylon

© S. Fischer Verlag

Mit diesem Werk gelingt Alfred Döblin der entscheidende Durchbruch: Berlin Alexanderplatz, erschienen 1929, ist der deutschsprachige Großstadtroman schlechthin, ein Meilenstein der Moderne, dessen Wirkungsgeschichte andauert. Doch zu einer Veröffentlichung des Buches wäre es fast nicht gekommen.

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Vergebliches Warten

© Diogenes Verlag

Aus einem Filmskript des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt über einen Kindermörder macht das Nachkriegskino den Krimi Es geschah am hellichten Tag. Doch der Autor ist mit der Leinwandversion seiner Idee nicht ganz einverstanden. Er schreibt einen Roman, der statt des optimistischen Endes eine dunklere Geschichte erzählt. Das Versprechen zeigt, wie sich unser Glaube an Gerechtigkeit und die Kohärenz der Welt als brüchige Fiktion erweist.

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Der falsche Wink des Schicksals

© Diogenes Verlag

Keiner der berühmtesten Romane von Patricia Highsmith, aber einer ihrer besten: In Der Schrei der Eule sieht die junge Jenny in ihrem Voyeur Robert den ersehnten Retter in der Not. Doch die Hoffnungen und Wünsche aller Figuren werden jäh zunichte gemacht. Was als Kammerspiel um einen verschämten Spanner beginnt, endet im blutigen Gewaltexzess.

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Zerstörerischer Ausdruckswille

© Suhrkamp Verlag

Johnny Carter ist ein begnadeter und gefeierter Jazz-Saxophonist. Doch immer stärker droht die dunkle, selbstzerstörerische Seite seiner Persönlichkeit allen Glanz und Erfolg zunichte zu machen. Sein Biograph und Freund Bruno beobachtet den allmählichen Niedergang mit Schrecken, doch dann begreift er, dass die Exzesse des Musikers untrennbar mit seinem künstlerischen Ausdruckswillen verbunden sind.

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Vier Romane über den Zweiten Weltkrieg

Das zerstörte Rotterdam 1945. (Foto: Public Domain)

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Ein farbenblindes Chamäleon

© Rowohlt Verlag

Vladimir Nabokovs erster Roman in englischer Sprache entsteht im Winter 1938/39 unter bedrückenden Bedingungen kurz vor der Flucht des Schriftstellers aus Frankreich. Das wahre Leben des Sebastian Knight, zugleich fiktive Künstlerbiographie und Detektivgeschichte, ist verrätselt, spielerisch-elegant und tiefgründig. „Ein farbenblindes Chamäleon“ weiterlesen