Du wirst meiner Liebe nicht entgehen

© Diaphanes Verlag 

Anna Kavans Eis ist ein postmoderner Klassiker der englischen Literatur, der nun endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Vor dem Hintergrund einer eiszeitlichen Klimakrise wird hier das männliche Streben nach Dominanz und Unterwerfung der Frau dekonstruiert, das sich nur zum Schein als romantische Liebessehnsucht tarnt.

Unzuverlässiges Erzählen kommt nicht aus der Mode. Das überrascht ein wenig, denn es gibt wohl kaum eine narrative Methode, die so sehr die Gemachtheit und Künstlichkeit der Literatur betont. Seit einiger Zeit aber schlägt ja dem allzu Artifiziellen, Fiktionalen ohne die Vorsilbe “Auto-” ein gewisses, manchmal auch ganz kategorisches Misstrauen entgegen. Doch sowohl für Autorinnen wie für Lesende ist es offenbar nach wie vor reizvoll, sich auf ein Spiel einzulassen, dessen Regeln im Grunde recht einfach sind.

Eine Erzählinstanz muss dann als unzuverlässig gelten, wenn sie keinen privilegierten Wahrheitsanspruch besitzt und etwas behauptet, das mit mit Blick auf die erzählte Welt als (teilweise oder ganz) falsch gelten muss. Der Text vermittelt somit zwei einander widersprechende Botschaften, eine explizite, die von der Erzählfigur präsentiert wird, und eine implizite, die man als Leserin erst entschlüsseln muss – gewissermaßen an der Erzählinstanz vorbei.

Ein narratives Rätselspiel

Die Kunst dieses narrativen Rätselspiels besteht in der feinen Austarierung zwischen Implikation und Explikation. Es erfordert viel erzählerisches Können, die Lügen, Fehlwahrnehmungen oder Bewusstseinstrübungen der Erzählfigur einerseits erkennbar genug zu gestalten, um die Lesenden nicht zu hintergehen, andererseits aber auch nicht allzu offensichtlich werden zu lassen, um ein aktives, aufspürendes und rekonstruierendes Lesen überhaupt zu ermöglichen. In jüngster Zeit hat etwa die US-amerikanische Autorin Ottessa Moshfegh in ihren raffiniert gebauten (wiewohl sprachlich recht konventionellen) Romanen eine ganze Reihe ebenso zweifelhafter wie unwiderstehlicher Erzählerinnenfiguren präsentiert.

Das Spannende am unzuverlässigen Erzählen ist die Schärfung des Blickes, der Fokus auf die narrativen Widerhaken, die sich im Bewusstsein verankern und warnen: Trau nicht blind dem, was du vorgesetzt bekommst! Lies genau, bleib aufmerksam und achte auf Details, sie sind vielleicht wichtiger, als du glaubst.  Literatur, das wird in diesem Modus überdeutlich, ist immer auch und nicht zuletzt ein Konstrukt. So wird die Leserin zur Detektivin, die sich auf die Suche nach der Wahrheit hinter einer trügerisch schimmernden, lügenhaften Oberfläche begibt.

Klassiker der englischen Postmoderne

Interessant sind wie so oft die Extreme, das Ausreizen der Möglichkeiten. Vladimir Nabokov etwa hat das unzuverlässige Erzählen auf der Schwelle zwischen Moderne und Postmoderne weitgehend perfektioniert. Braucht es in Lolita (1955) noch nicht allzu viel Sensibilität, um den betörenden Erzähler Humbert Humbert als pädophiles, narzisstisches Monster zu erkennen, macht es einem Nabokov in Fahles Feuer (1962) schon erheblich schwerer. Auch hier spürt man, es stimmt etwas nicht. Der ontologische Status der beiden Erzählfiguren, des Dichters John Shade und seines Kommentators Charles Kinbote, erscheint nach einer Weile gleichermaßen fragwürdig. An diesem wunderbar subtil entworfenen Rätsel kann man sich die Zähne ausbeißen, denn selbst wenn es gelingt, viele der versteckten Hinweise nach und nach zu entschlüsseln, gibt es am Ende keine endgültig befriedigende Lösung – und gerade dies ist der Clou des Romans (und das Movens für immer neue Lektüren).

Weit radikaler noch treibt die britische Autorin Anna Kavan (1911-1968) in ihrem letzten Prosaband Eis (1967) das unentscheidbar unzuverlässige Erzählen auf die Spitze. Kavan ist eine der schillerndsten Figuren der englischen Literatur des letzten Jahrhunderts. Zeitlebens litt die Autorin an Heroinabhängigkeit, psychischen Krankheiten, schwierigen Ehen und der Geringschätzung durch einen von Männern dominierten, elitär-konservativen Literaturbetrieb. Es war dieses letzte Buch, das nun erstmals von Silvia Morawetz und Werner Schmitz ins Deutsche übersetzt worden ist, mit dem Kavan der endgültige Durchbruch gelang. Das gesellschaftliche Klima war in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre auch in Großbritannien in Umbruch geraten. Die literarische Avantgarde erlebte eine gar nicht kleine, wenn auch nicht allzu nachhaltige Blütezeit. Zwar hatte Kavans Verleger Peter Owen anfangs noch recht reserviert auf das Manuskript reagiert, doch nach der Veröffentlichung wurde Eis dann ziemlich rasch zu einem bis heute in der englischsprachigen Welt vielgelesenen und -diskutierten Klassiker der Postmoderne.

Apokalyptische Szenerie

Alle Bemühungen, in diesem Text ein implizit Gemeintes vom explizit Mitgeteilten zu unterscheiden, einen Sinn hinter der Oberfläche der Darstellung auszumachen, laufen erst einmal unweigerlich ins Leere. Erzählt wird diese Geschichte, die keine ist, von einem Mann, der sich auf der Suche nach einer Frau, seiner (so meint er) ehemaligen Geliebten, befindet. Die Szenerie, unverortet und namenlos wie die Figuren, erscheint dystopisch, ja apokalyptisch: Ein nuklearer Krieg wird im Hintergrund entfesselt, gleichzeitig schieben sich unerklärliche, ungeheure Eismassen wie Kulissenbilder heran, die alles Leben einzufrieren und zu vernichten drohen.

Der Erzähler, ein ehemaliger Soldat und Entdecker, ist offensichtlich mental instabil. Er nimmt starke Medikamente, leidet an Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Entsprechend halluzinatorisch und fiebrig ist sein Bericht, der nie einen Fluss, eine kontinuierliche, sinnhafte Handlung entstehen lässt.

Es geht um Macht und Besitzwillen

Nur eines ist von Beginn an klar: Dieser Protagonist ist besessen – und seine angebliche Liebe zum “Mädchen”, wie er die 21jährige nennt, hat nichts Romantisches und beruht keineswegs auf Gegenseitigkeit. Er reist der Frau an verschiedene, surreal anmutende Orte nach und sucht sie der Gewalt eines nur als “Wächter” bezeichneten soldatischen Herrschers zu entreißen, der vielleicht aber auch nur eine Projektion oder Spiegelung seiner selbst ist. “Befreiung” nennt der Erzähler sein Unterfangen, doch schnell wird klar, dass es genau darum nicht geht, sondern um das Abjagen einer als Eigentum verstandenen Sache. Der Erzähler will Macht über die Frau, er will sie besitzen und brechen.

“Für einen Augenblick erfassten meine Scheinwerfer, als wären es Suchlaternen, den nackten Körper des Mädchens, schmal wie der eines Kindes, elfenbeinweiß vor dem toten Schneeweiß, ihr Haar hell wie gesponnenes Glas. Sie sah nicht in meine Richtung. Regungslos fixierte sie die Wände, die langsam auf sie zurückten, ein glasiger, glitzernder Wall aus festem Eis, in dessen Mitte sie sich befand. […] Ich sah das Eis höher steigen, ihre Knie und Schenkel bedecken, sah ihren offenen Mund, ein schwarzes Loch in dem weißen Gesicht, hörte den dünnen, gequälten Schrei. Mitleid empfand ich für sie keins, es bereitete mir im Gegenteil eine unbeschreibliche Lust, sie leiden zu sehen. Meine Härte war mir zwar selbst nicht recht, aber so war es nun mal.”

In aller Brutalität dekonstruiert Kavans Text das uralte Narrativ vom sehnsuchtsvollen Held, der auf der Suche nach seiner verschollenen (oder entführten) Angebeteten einsam und liebeskrank die Welt durchstreift. Dieser Figurentypus wird hier seiner ganzen romantischen Attitüde entkleidet und erscheint als sadistischer, radikal egozentrischer Stalker, der Liebe nennt, was in Wahrheit Begehren nach totaler Objektifizierung und Unterwerfung ist.

Die konventionelle Logik wird gesprengt

Ein feministischer Text also und überdies ein Stück Climate Fiction? Gewiss, doch alle Hoffnung auf Veränderung der Verhältnisse wird hier – so meint man zunächst – fahren gelassen. Wer von feministischer und ökologischer Literatur “Empowerment” erwartet, das Aufzeigen einer Utopie oder wenigstens von Alternativen, mag enttäuscht werden. Die Destruktion der Frau wie der Natur scheint unabänderlich: Der männliche Machtwille siegt – und sei es um den Preis der totalen, universellen Vernichtung.

Und doch ist Eis ein enorm subversiver Text, denn in seiner erratischen, alle konventionelle Logik (bzw. allen Phallogozentrismus) sprengenden Erzählweise demonstriert Kavan, wie das männliche Streben nach Deutung und Dominanz die Wirklichkeit nicht mehr zu fassen oder zu formen vermag, sondern nur noch zerstören kann. Der Protagonist ist kein stabilisierender Faktor der Erzählordnung mehr, kein wirkliches Subjekt, das sich die Welt zu eigen macht. So entlarvt sich der Wille zur Macht selbst als letzte, leere Geste des Irrsinns.

Anna Kavan: “Eis”. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz. Diaphanes Verlag, Zürich 2020. Hardcover, 184 Seiten. ISBN 978-3-035-80135-4.

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