Ins Herz der Finsternis

© Verlag Klaus Wagenbach

Wie sehr bestimmt das Vergangene unsere Gegenwart? Diese Frage stellt Francesa Melandri in ihrem Roman Alle, außer mirVor der Tür der Lehrerin Ilaria steht eines Tages ein junger afrikanischer Flüchtling. Er behauptet, der Enkel ihres Vaters Attilio zu sein. Ilarias Nachforschungen zu ihrer Familiengeschichte führen sie in die dunkle Kolonialzeit des faschistischen Italiens.

Wer die Begegnung mit Schriftstellern sucht, geht ein Risiko ein. Denn ist die Autorin sympathisch, läuft man Gefahr, das Buch, das man gerade gelesen hat, besser zu finden als es vielleicht tatsächlich ist. Und umgekehrt. Mit gemischten Gefühlen ging ich also am 17. Oktober zur Veranstaltung mit Francesca Melandri (*1964), die im Literaturhaus Stuttgart stattfand, einer der schönsten und wichtigsten Kulturinstitutionen der Stadt. Alle Vorsätze, mich von der Persönlichkeit der Autorin möglich wenig beeinflussen zu lassen, waren nach drei Minuten passé. Francesca Melandri ist so lebendig und redegewandt, so einnehmend und klug, dass es unmöglich ist, von ihr nicht beeindruckt zu sein. Man muss diese Frau mögen.

Italienische Gegenwartsliteratur boomt

Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt, das Interesse an Melandri offenbar hoch. Das ist nicht nur in Stuttgart so. Ihr jüngster Roman Alle, außer mir (ital. Sangue giusto) ist hierzulande ein enormer Erfolg. Binnen eines Monats haben sich über 60.000 Exemplare der deutschen Übersetzung verkauft, im Oktober wurde der Roman zum ‘Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen 2018’ gekürt. Woher rührt der Triumph dieses Romans?

Naheliegend wäre es, den Erfolg mit dem Boom italienischer Gegenwartsliteratur in Deutschland zu erklären. Elena Ferrantes Romantetralogie Meine geniale Freundin hat auf dem hiesigen Buchmarkt eingeschlagen wie eine Bombe. Das ‚Ferrante-Fever‘ – wie so oft über den Umweg USA zu uns schwappend – hat den Fokus des öffentlichen Interesses auf die italienische Belletristik gelegt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber der Vergleich Ferrante-Melandri trägt nicht weit, wie sich schon an der Publikumsreaktion im Literaturhaus erkennen lässt: Ein Raunen geht durch den Saal, als die (übrigens hervorragende) Moderatorin Claudia Kramatschek nach Parallelen fragt.

Engagierte Literatur

Jede Autorin habe ihren eigenen Stil, antwortet Francesca Melandri höflich, aber es sei natürlich dem Zeitgeist geschuldet, dass sich in einem so patriarchalisch geprägten Land wie Italien nun mehr und mehr weibliche Erzählstimmen entwickeln würden. In der Tat ist Melandris Roman im Unterschied zu den Büchern ihrer Kollegin Ferrante ein zutiefst politisches Buch – Melandri, die sehr gut Deutsch spricht, bezeichnet ihren Text als ‚engagierte Literatur‘.

Worum geht es in Alle, außer mir? Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ilaria Profeti, sie ist Lehrerin und lebt in Rom. Obwohl sie politisch links steht, hat sie ein Verhältnis mit einem Abgeordneten der Berlusconi-Partei Forza Italia. Eines Tages steht unerwartet ein junger Mann afrikanischer Herkunft vor Ilarias Wohnungstür und behauptet, der Enkel ihres Vaters und damit ihr Neffe zu sein. Ilaria ist erstaunt und entsetzt: Hat ihr Vater außer ihr und ihren beiden Brüdern noch ein weiteres Kind gezeugt? In Afrika? Shimeta, so stellt sich der junge Mann vor, ist aus Äthiopien geflohen und über Libyen mühevoll nach Europa gelangt.

Ilaria begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihres mittlerweile uralten und dementen Vaters, der als junger Mann am Abessinien-Krieg des faschistischen Mussolini-Regimes teilgenommen hat. Sie stößt auf eine historische Wirklichkeit, die nicht nur im Kreis ihrer Familie, sondern auch vom öffentlichen Bewusstsein Italiens bis heute verschwiegen und verdrängt wird. Ilarias Reise in die Biographie ihres Vaters wird zugleich eine Reise in die Geschichte ihres Landes.

Aufarbeitung der kolonialen Geschichte Italiens

Alle, außer mir verbindet also die Aufarbeitung der faschistisch-kolonialen Vergangenheit Italiens mit dem nach wie vor brennend aktuellen Thema der Flüchtlingskrise. Anhand des Schicksals des Jungen Shimeta zeigt der Text die gern ausgeblendete, grausame Realität der Migration von Afrika nach Europa – und zwar derart eindringlich, dass man die Schilderung nicht so rasch vergessen wird. Aber auch der politische Aspekt des Problems wird erzählerisch ausgeleuchtet: Die Gegenwartshandlung spielt just zur Zeit des Staatsbesuchs von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi in Rom. Der manipulative und populistische Bunga-Bunga-Regierungschef Berlusconi empfängt einen der übelsten Despoten mit allem anbiedernden Glanz und Pomp aus einem einzigen Grund: damit dieser Europa die Flüchtlinge vom Hals hält.

Diese Verbindung zwischen Gestern und Heute ist das eigentliche Thema des Romans. Ilaria kann die Gegenwart ihrer Familie und ihres Landes nur begreifen, wenn sie den Blick auf das Vergangene und Verdrängte wagt. Was sie zutage fördert, ist zutiefst erschreckend. Der koloniale Feldzug, den Mussolini in Afrika unternahm, war der größenwahnsinnigen Phantasie einer Neugründung des Römischen Imperiums geschuldet. Doch der angedachte Beweis einer angeblichen Überlegenheit der ‚weißen Rasse‘ gegenüber den vermeintlich minderwertigen ‚Schwarzen‘ schlug grandios fehl. Am Ende scheiterte der faschistische Eroberungsversuch und hinterließ nichts als eine blutige Spur zahlloser Massaker.

Die biographischen Schilderungen von Ilarias Vater Attilio in diesem Krieg zwischen 1935-41 nehmen einen Großteil der zweiten Hälfte des Romans ein. En detail werden die Grausamkeiten der Besatzer beschrieben, die Giftgasangriffe, Erschießungen, die allgegenwärtigen Vergewaltigungen und Morde. Mitten in diesem barbarischen Chaos steckt Attilio, der sich zwar nicht direkt Grausamkeiten zuschulden kommen lässt, aber doch Augenzeuge und auch Mittäter ist. Seine Beziehung zu der Frau, die ihm ein Kind gebären wird – Shimetas Großmutter – ist zwar nicht ohne Empfindungen und Zärtlichkeiten, findet aber keineswegs auf Augenhöhe statt. Seiner Verantwortung geht er nach dem Ende der Besatzung und der Rückkehr in die Heimat konsequent aus dem Weg.

Zehn Jahre Recherche

Ilarias Recherche über die Vergangenheit spiegelt die Recherche ihrer Schöpferin. Francesca Melandri hat zehn Jahre an dem Roman gearbeitet, hat unzählige Archive durchforstet und ist mehrfach nach Äthiopien gereist. Was sie bei ihren Nachforschungen am meisten überrascht hat, wird sie im Literaturhaus gefragt. Dass es eigentlich nichts gebe, was man nicht wisse. Alles über diese Zeit ist erforscht und liegt offen dar. Es gibt keine blinden Flecken in der Kolonialgeschichte des faschistischen Italiens. Wer wirklich erfahren will, was Mitte der Dreißiger Jahre in Abessinien geschehen ist, der hat kaum Mühe, es herauszufinden. Warum aber ist diese Zeit so wenig präsent im kulturellen Gedächtnis des Landes? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten.

Vielleicht liegt es daran, sagt Melandri nachdenklich, dass sich Gesellschaften wie Individuen nur in Krisenzeiten ausführlich mit ihrer eigenen Identität beschäftigen würden. Die Frage ‘Wer bin ich?’ setzt ein gewisses Unwohlsein voraus. Nur wenn der Boden schwankt, auf dem wir stehen, suchen wir nach festem Grund unter den Füßen und fragen nach dem Woher und Warum. So geht es auch Ilaria, die sich letztlich trotz ihrer linken Überzeugungen und einer immer bemüht politisch korrekten Weltsicht für die Frage nach ihrer eigenen Herkunft viel mehr interessiert als für die Geschichte Shimetas. Die Frage nach seiner Identität, nach seiner Vergangenheit kümmert Ilaria lange Zeit nicht sehr. Und so nimmt der Roman am Ende eine völlig unvorhergesehene Wendung – für Ilaria und den Leser.

Ein typisch italienischer Macho

Francesca Melandri betont bei ihrem Besuch im Literaturhaus, dass sie ihre Figuren bewusst komplex angelegt hat. Sie sind nicht von Natur aus gut oder schlecht, sondern schillern äußerst lebendig und ambigue.  Der eigentliche Protagonist des Romans ist Ilarias Vater Attilio. Er ist ein typisch italienischer Macho: charmant, gutaussehend, selbstbewusst. Schon als Kind wurde er von der Mutter verzärtelt. Konflikte versucht er stets durch Verschweigen und Verdrängen zu lösen. Sein Motto ‘Alle, außer mir’, das der deutschen Übersetzung den Titel gibt, bringt ihn durchs Leben. Immer ist er der Überlebende, der Erfolgreiche. Aus jeder Situation scheint er unbeschadet herauszukommen. Dem Faschismus schließt er sich nicht an, er wird in ihn hineingeboren. Doch so viel der Leser über Attilio auch erfährt – die Figur bleibt letztlich rätselhaft und ein wenig unscharf, auch für die Tochter Ilaria. Seine Haltung zu seiner eigenen Vergangenheit entspricht ganz der Haltung Italiens, ja Europas: Was geschehen ist, soll man ruhig ausblenden, der Blick muss nach vorne gerichtet werden.

Diese Überzeugung hat Attilio ein langes, im Großen und Ganzen gutes Leben beschert. Am Ende aber wird er selbst ebenso von der Geschichte eingeholt wie Europa. Vergangenheit will eben doch nie ganz vergehen. Und so wirft Melandris Roman Fragen auf, die unangenehm und störend sind, denen  man sich aber heute nicht mehr entziehen kann: Hat Europa von seiner blutigen Kolonialgeschichte zu lange nichts wissen wollen? Hat die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges, der Shoah den Blick zu sehr für das getrübt, was vorher in jenen Weltgegenden geschehen ist, die wir immer noch als peripher bezeichnen? Und müssen wir uns nicht jetzt, unter dem Druck der Flucht- und Migrationsbewegungen, die wir erleben, endlich auch diesem Teil unserer Vergangenheit stellen?

Dem Populismus die Komplexität der Welt entgegenhalten

Italien droht heute wie nahezu alle europäischen Gesellschaften von der Frage, wie man mit dem Flucht- und Migrationsproblem umgeht, tief gespalten zu werden. Ganz am Ende des Abends im Literaturhaus wird Francesca Melandri gefragt, ob sie der Literatur zutraue, die Gesellschaft oder den Diskurs positiv zu verändern. Nein, lautet ihre abschließende Antwort, Literatur könne nichts besser machen und habe kaum Einfluss auf den Lauf der Dinge. Aber sie könne den populistischen Vereinfachungen eine die Komplexität der Welt entgegenhalten und damit ein Gegengewicht zur vulgären Simplifizierung darstellen.

Mit ihrem Roman Alle, außer mir ist Francesca Melandri genau dies auf ganz wunderbare und höchst eindrucksvolle Weise gelungen.

Francesca Melandri: “Alle, außer mir”. Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2018. 608 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-8031-3296-3.

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